Vogelfänger im Nebenjob

Vogelfänger im Nebenjob

Singvogeljagd kennt man im Allgemeinen eher aus Italien. In großen Netzen gefangen, landet dort so mancher kleine Zugvogel als Delikatesse in der Bratpfanne. Dass aber auch in unserem Dorf einschließlich seiner Ortsteile bis in die 1930er Jahre hinein – verbotenerweise – Jagd auf Singvögel gemacht wurde, ist mittlerweile in Vergessenheit geraten.
Allerdings ging es im Gegensatz zu Italien bei uns nicht um Nahrungserwerb, sondern um den Besitz bzw. den Verkauf der schönen Tiere oder um die Freude an ihrem Gesang. Dabei unterschied man im Wesentlichen zwei Vorgehensweisen:
Zum einen ging es um die Jagd auf ausgewachsene Singvögel – wie z. B. Dompfaffen, Distelfinken, Zeisige oder Stieglitze. Dazu brauchte man Birkenreiser und auf Leinölbasis hergestellten Fangleim. Letzterer wurde nach über Generationen vererbten Geheimrezepten hergestellt. Die mit dem Kleber präparierten sog. „Leimreiser“ bzw. Fangruten wurden im Schutz einer Hecke nahe einer Wasserstelle aufgestellt oder an mit Kerben versehenen Stöcken angebracht – und dann wartete man, bis man die Vögelchen „abpflücken“ konnte. Mit diesen „Ziervögeln“ ließ sich schnelles Geld verdienen, aber pro Vogel gab es nur maximal drei bis vier Mark zu verdienen, weil man ihnen keine Melodien mehr beibringen konnte. Sie beherrschten eben nur ihren natürlichen Gesang.
Wesentlich lukrativer, aber auch ungleich arbeitsintensiver, war der Verkauf von „Sängern“. Hierzu musste man beispielsweise drei bis vier Tage alte Dompfaffen aus dem Nest rauben, sie dann mit viel Geduld aufziehen und ihnen im wahrsten Sinne des Wortes „Gesangsunterricht“ erteilen.
Dies geschah immer im engen Zusammenhang mit der Fütterung – entweder durch einfaches Vorpfeifen der gewünschten Melodie oder auch mit Hilfe einer kleinen Drehorgel. Man musste nur aufpassen, dass die gelehrigen Kerlchen nicht auch noch irgendwelche Nebengeräusche erlernten (wie das Quietschen einer Tür oder Ähnliches). Schließlich konnte man mit einem solchen Tier bis zu 50 Mark erzielen.
(Quelle: Ferdinand Klitsch, „Unsere Vogelwelt“, 07.11.1969, Museumsarchiv Großenlüder.)

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