Mit verborgenen Mächten im Bunde oder „Der Sympathie-Doktor“


Mit verborgenen Mächten im Bunde oder „Der Sympathie-Doktor“

In der Nähe der Kirche lebte vor langer Zeit ein uralter Schäfer, dem man geheimnisvolle Kräfte zuschrieb, die gewöhnlichen Sterblichen versagt waren. So soll er jeden Abend einen „Bannkreis“ um die ihm anvertrauten Schafe geschlagen haben. Betrat nun nachts ein Dieb den Pferch, so konnte dieser sich nicht mehr rühren, bis der Schäfer den „Gebannten“ am Morgen freigab. Dies musste vor Sonnenaufgang geschehen, denn sonst würde er, wie man glaubte, auf der Stelle kohlschwarz werden.
Wegen seiner heilenden Kräfte wurde der Schäfer von vielen auch „Sympathie-Doktor“ genannt. Nach eigener Überzeugung war es ihm jedoch verboten, Bezahlung anzunehmen und er musste frei von persönlicher Schuld sein, sonst ginge seine geheimnisvolle Macht verloren. Zweifellos war er eine faszinierende Persönlichkeit.
Da war es kein Zufall, dass das sich junge Volk regelmäßig bei ihm zur „Spinnstube“ traf. Man war immer zu Schabernack aufgelegt und es wurde viel gesungen und gelacht. Ein dummer Streich brachte die gute Stimmung indes eines Tages abrupt zu einem Ende. Als ein junger Bursche, der zum Anstimmen eines Liedes aufgestanden war, sich auf seine Bank zurückfallen ließ, hatte ihm sein Nachbar einen Strickstock senkrecht hingehalten. Der lange Stock drang fast vollständig in den Körper ein. Brüllend vor Schmerzen verlor der Junge das Bewusstsein. Ein schnell herbeigeholter Arzt entfernte die lange Nadel, erklärte aber, dass er nicht helfen könne. Der „kalte Brand“ (Blutvergiftung) würde ihm keine Chance lassen. So wurde der Kranke nach Hause gebracht und vom Priester mit der letzten Ölung versehen. Die Freunde des Todgeweihten bestürmten daraufhin den Schäfer, den Burschen zu retten. Der „Sympathie-Doktor“ wartete ruhig den Tag ab und trat gegen Abend an das Bett des Sterbenden. Alle Angehörigen mussten das Zimmer verlassen, damit seine „Kraftströme“ fließen konnten. Schon nach ca. zehn Minuten verließ er das Krankenzimmer und erklärte: „Der Kranke wird morgen früh gesund sein, lasst ihn ruhig schlafen und sagt niemandem, dass ich dagewesen bin.“ Und genauso sollte es sich bewahrheiten …
(Quelle: Ferdinand Klitsch, „Der Sympathie-Doktor“, 31.12.63, Archiv Heimatmuseum Großenlüder.)

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