Hochzeitsbräuche mit Kehrseite: An was es alles zu denken galt…


Hochzeitsbräuche mit Kehrseite: An was es alles zu denken galt…

Wer heiraten wollte, hatte auch schon in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg viel zu organisieren. Einzig Verlobungsfeiern kannte man damals nicht. Man tauschte schlichtweg die Ringe und gab sich privat das Eheversprechen.
Schriftliche Einladungen kannte man ebenso wenig. Man hätte sie nie angenommen. Also musste man jeden persönlich einladen. Wer es sich leisten konnte, fuhr mit der Kutsche, die anderen mit der Bahn oder gingen zu Fuß. Überall mussten die Brautleute zum Essen bleiben – es kostete also viel Zeit. Dabei musste zugleich für das Essen am Festtag eingekauft und alles organisiert werden. Man benötigte genügend Kaffee, Bier, Wein und Schnaps – nicht zuletzt weil an jeder Ecke, und das nicht nur am Tag der Hochzeit, „gehemmt“ wurde.
Zudem brauchte der Bräutigam einen feierlichen „Scheß“ (Gehrock) nebst Zylinder oder Melone und einen „Zwieg“ (Myrtensträußchen) für den Rockaufschlag. Für die Braut mussten ein langes schwarzes Kleid und ein mit Silber durchwobenes Myrtenkränzchen besorgt werden, von dem – statt Brautschleier – zwei Myrtenstreifen auf den Rücken herunterhingen…
Eine Hochzeit stellte im wahrsten Sinne des Wortes im Leben eines jeden jungen Menschen ein absolut einmaliges Ereignis dar. Umso schlimmer, wenn diese Träume durch eine uneheliche Schwangerschaft platzten. Da war die Gesellschaft gnadenlos gegenüber „gefallenen“ Frauen. Im Gegensatz zu den Vätern waren sie gebrandmarkt. Sie hatten Schande über die Familie gebracht. Frauen, die Kinder „ledicherwies“ hatten, galten vielen als liederlich.
Oft genug wurde über sie getuschelt, dass selbst Kinder bald „wussten“, dass mit ihnen und ihren Sprösslingen („Kegel“) etwas nicht stimmte. Grund genug, auch „Uneheliche“ in der Schule zu diskriminieren. Zum Glück hielten Familien meist zusammen und auch Freunde halfen im Gegenzug z. B. für Erntehilfe mit Naturalien, sodass auch für „Alleinerziehende“ einigermaßen gesorgt war. Frauen, die ihrem „gehörnten“ Ehemann „ein Kuckucksei ins Nest gelegt hatten“, waren meist in einer geschützteren Position. Naiv nur, wer glaubte, alles geheim halten zu können. Vielmehr galt: „Das Dorf weiß alles und vergisst nichts.“
(Quelle: F. Klitsch: „Alte Großenlüderer Hochzeitsbräuche, 17.12.65, Archiv Heimatmuseum.)

Großenlüder in Vergangenheit und Gegenwart
Unterstützen Sie uns bitte bei unserer Arbeit! Alte Fotos und Geschichten sind wichtige Zeitzeugnisse.
Stellen Sie deshalb Ihre alten Bilder zur Verfügung und erzählen Sie uns Ihre Geschichte(n)!
Ihr Eigentum bekommen Sie selbstverständlich wieder wohlbehalten zurück.

Kultur,- Heimat- und Geschichtsverein der Gemeinde Großenlüder e.V.
Wer unsere Arbeit unterstützen möchte, der wende sich bitte an
Thomas Mohr, Tel. 8544, thmohr@online.de, Michael Michel, Tel. 8848, Andreas Ruhl, Tel 620110, andreasruhl@gmx.net

Oder jeden Montag von 10 bis 12 Uhr im Heimatmuseum, Tel. 9110350