Großenlüderer Hochzeitsbräuche: Möglicher Ablauf einer Hochzeit
In den Jahrzehnten vor dem ersten Weltkrieg wurden Hochzeiten normalerweise in der Zeit von Weihnachten bis Fastnacht und zwar an Dienstagen oder Donnerstagen angesetzt. Deshalb war es keine Seltenheit, wenn bis zu sechs Paare mit ihren „Freiesch-Männern“ (Trauzeugen) um den Altar zusammenkamen.
Einige Tage vor der Hochzeit brachte der festlich geschmückte, von Pferden gezogene Brautwagen die Möbel und die Wäsche der Braut. Der Wagenführer (gewöhnlich auch Brautführer) hatte sich und sein Pferd ebenfalls aufs Feierlichste herausgeputzt. Und klar wurde auch jetzt schon „gehemmt“, meist mit einem dicken Seil, aber den Einfällen der Leute waren keine Grenzen gesetzt. Jedenfalls sah sich der Bräutigam genötigt, die Durchfahrt mit Schnaps und Geld zu „erkaufen“.
Am Hochzeitsmorgen gegen 9 Uhr ging der Hochzeitszug unter dem feierlichen Läuten der Glocken vom Haus des Bräutigams zur Pfarrkirche. Der Brautführer führte dabei die Braut, der Bräutigam die Brautmagd. Erst nach der Trauung durfte der Bräutigam seine Liebste endlich selber führen, aber gerade deshalb wurde auf dem Nachhauseweg wieder „gehemmt“, wo immer es möglich war.
Nach einem kleinen Imbiss, bei dem Braut und Brautmagd fehlten, trat der Brautführer ein und verlangte nach festem Ritual vom „Dötemann“ (Pate der Braut), dass er ihm die Braut vorführe. Dieser bot ihm daraufhin zunächst die Brautmagd an, die aber vom Brautführer mit festgelegten freundlichen Worten zurückgewiesen wurde. Jetzt brachte der „Dötemann“ die richtige Braut. Der Brautführer sprach nun zum Bräutigam: „Du freust dich heut, gleich jenem Tage, wo du zum ersten Male geladen als Bräutigam zum Tisch des Herrn. … Leg die Vergangenheit heut ab und dank der Eltern edle Tat.“ Der jungen Frau trug er auf: „Wenn du noch deine Eltern hast, dann sollst du sie in Liebe pflegen, dass sie dereinst ihr müdes Haupt in Frieden können zur Ruhe legen.“ Zur Bekräftigung trank er zum Abschluss auf die Gesundheit der Brautleute.
Am Nachmittag, nach Mittagessen und Kaffee, traten nun zwei Frauen auf den Plan: Die „Döt“ (Patin der Braut) hatte die Aufgabe, für das Brautpaar die Geschenke einzusammeln. Dazu legte sie ein schneeweißes Betttuch auf einen Tisch. Darauf kam das Brautkissen (das nachher seinen Platz in der Wiege finden würde) prall gefüllt und mit Myrtensträußchen verzierte. Darüber wurde ein seidenes Kopftuch ausgebreitet. Mittig platzierte sie schließlich ein buntes Kränzchen mit Teller. Den Tisch rechts und links flankierend, konnte das Brautpaar jetzt die Glückwünsche der Gäste entgegennehmen. Zuerst kamen die Eltern, dann gratulierten die beiden „Freieschmänner“, der Brautführer, die Brautmagd, die Anverwandten und schließlich alle Gäste. Jeder legte sein Geschenk auf den Teller: die Gäste gaben einen Taler (drei Mark), Verwandte fünf bis zehn Mark – alles war geregelt.
Gleich im Anschluss hatte der Bräutigam seine nächste Prüfung zu bestehen. Eine zu den Gästen gehörige Frau trat als „Schauselbraut“ verkleidet auf und beschuldigte – zum Vergnügen der Gesellschaft – in einem Gedicht den jungen Mann der Untreue und des Bruches des Eheversprechens, was darin gipfelte, dass sie ihm ein Paket angeblicher Liebesbriefe ins Gesicht warf…
Eine letzte Aufgabe fiel danach noch dem Brautführer zu. Nachdem er den Brautschuh „geraubt“ hatte, wurde dieser auf „amerikanisch“ versteigert. Das höchste und letzte Gebot kam am Schluss wiederum ihm zu. Der Erlös war dazu bestimmt, bei einer späteren Gelegenheit vertrunken zu werden.
Nach dem Abendessen zog dann die Gesellschaft üblicherweise geschlossen in einen nahegelegenen Wirtssaal, wo zum Tanz aufgespielt wurde.
(Quelle: F. Klitsch: „Alte Großenlüderer Hochzeitsbräuche, 17.12.65, Archiv Heimatmuseum.)
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