Das Kälbchen – oder besser: „Es Kaellee“
– Unter freundlicher Mithilfe von Horst Hasenau –
„Naese Schoster“ war nicht nur ein tüchtiger Handwerker, Landwirt und Familienvater, er war vielmehr ein richtiger Haudegen. Überall beliebt, auch beim weiblichen Geschlecht, immer zu Späßen aufgelegt und mit dem Talent einer Stimmungskanone ausgestattet, war er dabei dem Alkohol keinesfalls abgeneigt. Dementsprechend stand er bei festlichen Anlässen regelmäßig im Mittelpunkt. Nur seine Regine konnte durchaus zur Spaßbremse werden. Sie liebte ihn zwar, war auch durchaus stolz auf ihn, entwickelte aber gleichzeitig ob seiner Beliebtheit eine gewisse Eifersucht. Und wenn der „Durst“ ihres Gatten zu viel kostete, konnte sie zur Furie werden und belegte ihn mit den unflätigsten Ausdrücken.
Als ihr betrunkener Mann eines Tages auf der Kirmes nicht mehr in der Lage gewesen war, mit ihr zu tanzen, hatte sie ihn unter lautem Gezeter mal wieder mit nach Hause gezerrt und ihm ohne Ende Vorhaltungen gemacht. Auf der Kirmesgesellschaft indes blieb sein Fehlen nicht ohne Folgen. Es wollte keine rechte Stimmung mehr aufkommen, aber keiner traute sich, Regine unter die Augen zu treten und ihren Mann zurückzuholen. Einzig der milchbärtige Junglehrer glaubte, mit seiner „Autorität“ etwas bei ihr erreichen zu können. Empfangen wurde der Pädagoge mit: „Dee oll Suffnos laeid dohaenge im Baedd. Daer blidd dehai.“ „Schoster“, durch das Geschrei seiner Regine aufgeweckt, zeigte sich dagegen nicht abgeneigt und machte Anstalten aufzustehen. „He blissde, du Sufflooch! Ae gaanz Kaellee hoste scho versoffe.“ Ihr Mann allerdings ließ sich nicht mehr aufhalten und folgte dem schüchternen Schulmeister augenzwinkernd mit den Worten: „Nahme mer hald emo o, es Kaellee waer verreggt. Do haedde mer grod so vill bee allewill.“
(Anmerkung der Redaktion: Es liegt eine zweite Version dieser Anekdote vor, nach der ein Müser Bauer ein Kälbchen in Stockhausen verkauft und in der dortigen Kneipe den ganzen Erlös versoffen hatte. Als er seiner Frau schuldbewusst unter die Augen trat, soll er sein Geständnis mit den Worten begonnen haben: „Nahme mer emo o, es Kaellee …“)
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