Bevor die Wehrmacht das Dorf endgültig räumte …
– Nach den Erinnerungen von Rudolf Dimmerling –
Die Ereignisse der Karwoche 45 waren geprägt von der Angst vor Luftangriffen und den sich unaufhaltsam nähernden Amerikanern. Nicht wenige saßen auf gepackten Koffern und wussten nicht, was auf sie zukam. Die Wehrmacht war auf der Flucht. Versprengte Truppenteile und vereinzelte Soldaten zogen durch den Ort. Verzweifelte Deserteure suchten Unterschlupf. Im Hohlweg oberhalb der Grotte wurde ein Halbkettenfahrzeug mit mehreren Anhängern von amerikanischen Fliegern in Brand geschossen.
Die Lüderbrücken in Klein- und Großenlüder sollten vor dem heranrückenden Feind noch schnell gesprengt werden, wozu es glücklicherweise nicht mehr kam. Zudem sollte das, was an Waffen und Munition nicht mitgenommen werden konnte, gesammelt und vernichtet werden. So hatte man am Bahnhof vor dem Lagerschuppen in Richtung Bahnübergang eine Unmenge an Munition aufgehäuft. Mit Hilfe der dort aufgestellten Vierlingsflak sollte am Gründonnerstag schließlich alles in Brand geschossen werden.
„Mein Elternhaus, also ‚Brangeʻ, war dadurch natürlich unmittelbar gefährdet. Ein Offizier der Wehrmacht machte uns unmissverständlich klar, dass alle raus müssten – und die Fenster sollten geöffnet werden, damit sie nicht kaputtgingen“, erinnert sich Rudolf. Seine Familie ging zu Verwandten ins Dorf und kam mit diesen gemeinsam letztlich bei „Isenachts“ im Luftschutzkeller unter, weil man dort die Ankunft der Amerikaner abwarten wollte. Rudis Großeltern indes brachten sich am Ortsrand bei Familie Müller in der Lütterzer Straße in Sicherheit. „Zum Glück blieb uns anderen das erspart, was sie mit ansehen mussten“, so Rudolf. Sie wurden nämlich Augenzeugen einer Hinrichtung. Sie erlebten mit, wie ein Jeep unterhalb des Wasserbassins anhielt und ein gefangener Soldat von der SS – wegen angeblicher Fahnenflucht – erschossen und im Graben liegen gelassen wurde. „Das war übrigens der Kradmelder, der heute noch im Sankt-Georgs-Park begraben liegt“, erklärt Rudolf.
Als sie sich Stunden später – die Amerikaner hatten das Dorf schon eingenommen – wieder auf den Nachhauseweg trauten, konnten sie immer noch vereinzelte Detonationen vom Bahnhof her hören. Und Einschlagspuren waren im weiten Umkreis zu sehen. Dadurch wurde Rudolf allmählich klar, in welcher Gefahr sie geschwebt hatten. – Wie erwartet waren im Übrigen auch an ihrem Mauerwerk die Explosionen nicht ohne Folgen geblieben, aber der Schaden hielt sich in Grenzen, nur alle Fensterscheiben waren zerborsten – mit einer Ausnahme: das Fenster nämlich, das Rudolfs Mutter vergessen hatte zu öffnen. „Da wussten wir wirklich nicht mehr, ob wir lachen oder weinen sollten.“
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